Varanasi ~ City of light

Wieso ausgerechnet Varanasi?

Kashi – Benares – Varanasi, eine Stadt mit vielen Namen, vielen Gesichtern, Geschichten und uralten Wurzeln, die weit über unsere Vorstellungen hinaus reichen. Eine Begegnung mit mir selbst in vielen Facetten. Denn hier bleibt nichts verborgen, verdeckt oder heimlich gehalten. Die nackte Realität begegnet uns an jeder Straßenecke, unerwartet, schonungslos und ungeschminkt. Ob wir es wollen oder nicht. Es bleibt keine Wahl.

Diesen Ort mit Worten zu beschreiben ist fast unmöglich. Und dass es keinen zweiten Platz auf dieser Welt gibt, der dieser Stadt ähnelt steht für mich fest. Ich kann auch nicht genau sagen, was mich hier her gebracht hat, mich anzieht und immer wieder fesselt. Das letzte mal war ich vor 20 Jahren hier. Eine lange Zeit und doch scheint sich wenig verändert zu haben. Natürlich wurde viel gebaut, doch ändert das nicht wirklich etwas an dem Gesamtbild und dem Geist der Stadt.

Als ich entschieden habe hier her zu reisen ging es mir einzig und allein darum einen Bansuri Lehrer zu finden. Bansuri ist die indische Querflöte aus Bambus, die in der klassischen indischen Musik zum Einsatz kommt und einen sehr weichen und tragenden Klang hat. Da ich dieses Instrument mit mir auf meiner Reise führe, dachte ich bei mir, dass es doch schon wäre es richtig spielen zu können. Da meine Ziele nicht fest stehen und ich noch sehr lange Zeit zum Üben haben werde, entschied ich mich für Varanasi. Denn hier ist die indische klassische Musik auch zuhause. Ich fand einen jungen Studenten, Manish, der mir die ersten Unterrichtsstunden gab. Und wie es die Fügung so will, kam eines morgens einer der besten indischen Bansuri Spieler in mein Guesthouse um dort für einige Wochen zu wohnen. Vinod Prasanna, der seit mehreren Jahren in Australien lebt und ursprünglich aus Varanasi stammt. Er bot mir an mich zu unterrichten. Welch großes Geschenk, das ich natürlich annahm und woraufhin ich entschloss auch noch etwas länger in der Stadt der großen Herausforderungen zu Verweilen. Als weiteren kleinen Bonus wurde ich zu der Hochzeit seines ehemaligen Schülers und erstklassigen Bansuri Spielers Hari Prasad Paudyal eingeladen.

Mit Vinod kam einer seiner australischen Bansuri-Schüler, Franco, alias Ganga Shane 😉 Wir entschieden im Anschluss an Varanasi für ein paar Tage gemeinsam in die Berge zu reisen, um nach der verstaubten Luft frische und klare Bergluft zu atmen, Stille zu erleben, zu Wandern und zu Meditieren. In Varanasi schlendert man eher besinnlich durch die Gassen. Schnelles Gehen wird meist schon durch vom Verkehr, die von Tieren und Menschen verstopften Straßen verhindert. Es gibt im Umkreis keine Möglichkeiten in freier Natur zu sein, umgeben von Bäumen, Wiesen oder nur Feldern. Benares ist sehr dicht besiedelt und das Rattern der Tuck Tucks und Enfields und das Hupen sämtlicher Fahrzeuge bestimmen die Atmosphäre.

Das Stadtleben

Wenn ich durch die Straßen und Gassen laufe sehe ich Kühe die langsamen Schrittes vorbei schlendern, meist auf der Suche nach Fressen. Mittlerweile kümmert sich die indische Regierung etwas mehr um die Sauberkeit auf den Straßen. Der Müll wird fast täglich zusammengekehrt und weggekarrt. Doch ist es bei der Masse der Menschen, dem anfallenden Müll und wahrscheinlich auch dem fehlenden Umweltbewusstsein noch nicht möglich alles sauber zu halten. So finden die Kühe reichlich zu Fressen. Die Auswahl liegt zwischen Essensresten, Pappkartons und Plastik. Danach liegen sie einfach irgendwo mitten auf dem Weg herum. Kuhfladen in jeglicher Form, mal fest, mal flüssig, bestimmen das Straßenbild. Sie dienen unter anderem als Nahrung für die herum streunenden Hunde oder als Brennmateriel zum Kochen. Ein natürlicher Kreislauf, bestimmt von den Bedürfnissen der verschiedenen Kreaturen.

Durch die Gassen zu laufen bedeutet die Augen offen zu halten und achtsam zu sein, sonst kann es leicht passieren, dass man in oder auf irgend etwas weiches Stinkendes tritt.

Streunende Hunde, haben bei weitem nicht das gleiche Ansehen wie Kühe. Sie werden geduldet, manchmal verscheucht und zum Glück nur noch selten mit Steinen beworfen. Wenn man ihnen keine Beachtung schenkt lassen sie einen normalerweise in Ruhe. Es gibt immer mehr Inder, die sich um deren wohl kümmern. Der Sohn meines Freundes Kashi, dem Chai-Shop Besitzer, bereitet jeden Abend einen großen Pot fressen für 10-12 Straßenhunde zu. Diese warten Tag und Nacht in der Nähe seines Ladens auf diesen Moment und bewachen ihr Revier eifrig.

Die Hunde bellen meist nur anderer Hunde wegen. Sie springen wachsam auf, wenn ein anderer Hund ihr Revier betritt und vertreiben ihn lautstark. Das ist wichtig zu wissen, denn sonst kann man es manchmal schon mit der Angst zu tun bekommen. Denn sie sind gnadenlos und ihr Bellen zieht durch Mark und Bein.

Eines der ergreifendsten Erlebnisse, das mir während diese Zeit widerfahren ist, geschah am vorletzten Tag. Ich wollte ein paar Hunde-Fotos für diesen Blog . Mein Augenmerk war von daher auf die Vierbeiner gerichtet. Die Erinnerung daran geht mir noch immer sehr nahe. Es war um die Mittagszeit. Die meisten Hunde lagen wegen der hohen Temperaturen faul herum. Ein sehr kräftiger Hund kam eiligen Schrittes um eine Ecke gefegt und schüttelte seltsam seinen Kopf. Es sah aus als täte er dies, um sein nach unten hängendes Ohr gerade zu richten. Im ersten Moment sah es etwas ulkig aus., doch als er an mir vorbei huschte blieb mir fast der Atem stehen. Seine komplette Schädeldecke fehlte zwischen den Ohren. Sein Gehirn war in einer frischen und offenen Wunde frei gelegt. Sehr schnell verschwand er um die nächste Ecke. Ich hätte ihm am liebsten irgendwie geholfen und ihn von den Schmerzen erlöst. Doch stand ich erstmal wie angewurzelt und wahrscheinlich etwas unter Schock nur da. Varanasi bringt mich immer wieder in Situationen, in denen ich vor der Frage stehe, ob ich diese Realität teilnahmslos zu akzeptieren habe oder Bedarf meines Handelns ist. Ich habe entschieden, dass ich so achtsam und bewusst wie möglich durch diese Welt gehen möchte und in jedem einzelnen Moment meine Entscheidung treffen werde. Diese treffe ich aus dem Resultat meiner Fähigkeiten, meiner Intuition und meinem Gewissen gegenüber dem Leben und der Welt.

Wieder zurück zum Straßenbild von Varanasi und den weiteren Tieren, die es hier abgesehen der Menschenmassen noch so gibt. Da sind Ziegen und Schweine, manchmal eine lebendige oder tote Ratte und hin und wieder ein Frettchen das von einem Hund gejagt wird. Eines morgens um fünf, gerade aufgestanden, als ich mich auf den Weg zum Ganges machte, lag mitten auf der Straße unweit meines Guesthouses eine tote Ratte und ein Frettchen ohne Kopf. Welch außergewöhnlicher ‚Morgen-Gruß. Mein Magen schien nicht sonderlich erfreut, doch konnte ich mich mit ruhigem Atem beherrschen. Mir kam die Frage wer bei diesem Kampf wohl der Gewinner gewesen sein mag?

Die Ghats am Ganges

Diwali, das Fest des Lichts und Aarti, die Morgen- und Abendzeremonieen zum Sonnenauf- und untergang

Der Tag war in die Morgen- und Abend Aarti gebettet. Diese dienen dazu den Ganges und die Sonne in ihrem Lauf zu Preisen und zu danken. Ein ganz bewusster und respektvoller Kontakt mit den Elementen und Kräften der Natur. Sie bieten den Menschen Halt und geben Zuversicht und Kraft für die Herausforderungen, die das Leben in seinen verschiedenen Formen an uns stellt.

Diwali, das Fest des Lichts und Dev Diwali, finden im November zu Neumond und Vollmond statt. Viele Menschen aus den umliegenden Regionen suchen Varanasi auf, um diese Festlichkeiten am Ganges Ufer zu verbringen und ihre Opfergaben der heiligen Mutter zu darzubieten. Ein Fest voller Farben, Gebeten und vielen heiligen Bädern im Ganges.

Wenn ich mich während dieser Zeiten am Ganges aufhielt wurde ich wegen meiner Haut- und Haarfarbe und Andersartigkeit von vielen Blicken begutachtet und beobachtet. Inder lieben es Selfies zu machen und sich mit Foreigners abzulichten. Sie kommen auf einen zu, stehen an einen gedrängt und fragen „Selfie, Selfie, please!“ Ich kann nicht sagen, auf wie vielen indischen Smartphones ich jetzt abgespeichert bin. Sie sind so voller Freude darüber, dass es schwer ist ihnen diesen Wunsch auszuschlagen. Und ich mache ja auch gerne Fotos von diesen wunderschönen Menschen.

Jeden Morgen Open Yoga Class am Assi Ghat

Das alltägliche Leben an den Ghats

Maha Dev

Ein Reichtum an Erlebnissen und Erfahrungen nehme ich mit von dir, der ältesten Stadt dieser Welt.

🙏🏽